Mittlere Geschichte: nach 1494 (Pacioli) bis 1756 (Ludovici)

Die Buchhaltungen im Mittelalter litten darunter, dass die indischen Zahlzeichen zunächst nicht bekannt waren und später nur zögernd Verwendung fanden. Außerdem erfolgte die Buchhaltung in getrennten Rechnungen für die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung, das Kontokorrent der Forderungen an Schuldner einerseits und der Verbindlichkeiten gegenüber Gläubigern andererseits und das Güterbuch. Pacioli fasste diese drei Rechnungen in einer sogenannten doppelten Buchhaltung zusammen, die er aus der Grundgleichung "Vermögen — Schulden = Eigenkapital" bzw. "Vermögen = Eigenkapital + Schulden" ableitete. Da die Bilanz an einem bestimmten Stichtag aufgestellt wurde, musste hierfür die bisherige Einnahmen- und Ausgaben-Rechnung in eine Erfolgsrechnung umgewandelt werden, indem die Einnahmen und Ausgaben der jeweiligen Abrechnungsperiode zugerechnet und damit periodisiert wurden. Dieser Arbeit war 1468 eine Handelsarithmetik vorausgegangen.

Pacioli war Professor der Mathematik. Sein damaliges Werk war eine systematische Enzyklopädie der Mathematik nach ihrem damaligen Stande. Als Mathematiker erkannte Pacioli, dass die damals sich bereits langsam einführende doppelte Buchhaltung dem Prinzip der Doppik folgte. Daher formulierte er die doppelte Buchhaltung dem Sinne nach als Kalkül. Es gelang ihm damit, den gesamten quantifizierbaren Bereich kaufmännischer Tätigkeiten einer Unternehmung in ein abstimmbares, lückenloses und sogar praktikables System zu fassen. Hierfür trennte er den Erwerbsbetrieb des Kaufmanns von dessen privater Haushaltung. Repräsentant der Unternehmung wurde damit anstelle des Inhabers das Eigenkapital. Bei jeder Entscheidung konnte ein Kaufmann die Vorteilhaftigkeit dieser Entscheidung im vorhinein und hinterher daran messen, ob und inwieweit sie das Eigenkapital vermehrte oder verminderte.

Damit war gleichzeitig die kapitalistische Unternehmung geboren. Die Buchhaltung erlaubte es, den wirtschaftlichen Stand und die Struktur einer Unternehmung zu jedem Zeitpunkt im Hinblick auf die Quantität des Eigenkapitals darzustellen und ihre Entwicklung in der Zeit zu beschreiben. Für den weiteren Aufstieg der Betriebswirtschaftslehre war diese wissenschaftliche Leistung von unschätzbarem Wert. Von nun an ließen sich betriebswirtschaftliche Tatbestände quantifizieren, messend bewerten, kausal erklären und rational auf eine am ehesten günstige Entwicklung hin gestalten.

Während dieser mittleren Geschichte versuchten immer wieder Gelehrte in den verschiedenen Ländern, das umfangreiche betriebswirtschaftliche Wissen ihrer Zeit in einem Kompendium zusammenzustellen. Solche Versuche unternahmen u.a. Benedetto Cotrugli im Jahre 1458 in Italien, Giovanni Domenico Peri im Jahre 1638 in Italien und Jacques Savary im Jahre 1673 in Frankreich. Den Abschluß dieser Entwicklung bildete Carl Günther Ludovici (1707-1778), der von 1742-1756 seine "Eröffnete Akademie der Kaufleute, oder vollständiges Kaufmanns-Lexikon" mit fünf Bänden vorlegte.

In der Zeit von Ludovici wurde Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten noch im Rahmen der Philosophie gelehrt. Ludovici war seit 1733 ordentlicher Professor der Weltweißheit an der Universität Leipzig. 1761 wurde er außerdem Professor des Aristotelischen Organon. Er versuchte, die bunte Vielfalt der kaufmännischen bzw. betriebswirtschaftlichen Erscheinungen in ein System zu bringen, das vollständig alle Erscheinungen enthielte und untereinander verband. Deshalb nannte er sein Werk auch "Grundriss eines vollständigen Kaufmanns-Systems". Das diesem Grundriss beigefügte Lexikon umfasste fünf Bände mit insgesamt 5708 Seiten bzw. 10192 Spalten. Im Durchschnitt wurden in jedem der fünf Bände 2.500 bis 3.000 betriebswirtschaftliche Begriffe erklärt. Diese Arbeit stellte im Jahre 1756 gleichzeitig den Beginn der wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre an deutschen Universitäten dar.


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