1.3 Neuere Geschichte: nach 1756 (Ludovici) bis heute

Ludovici und auch andere Hochschullehrer hatten wiederholt gefordert, die Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft aus der Philosophie herauszulösen und als eigenständige Universitätsdisziplin weiterzuführen. Hiergegen wendeten sich die bisherigen Universitätsdisziplinen, obgleich erste Lehrsysteme der Betriebswirtschaftslehre in Form der Handlungswissenschaften einerseits und der Kameralwissenschaften andererseits einen immer größen Umfang einnahmen. Die starke Zunahme der Bevölkerung in Deutschland, die fortschreitende Arbeitsteilung, die Fülle von Erfindungen, die Gründung des Zollvereins, der sich durch die Eisenbahnen und die Dampfschifffahrt schnell ausweitende Verkehr und damit die Zugänglichkeit der Märkte in Deutschland, Europa und Übersee auch über große Entfernungen führten zu einem schnellen Wachstum der Wirtschaft, einer immer größeren Unübersichtlichkeit der Verhältnisse und damit zu einem immer häufigeren Auftreten komplizierter betriebswirtschaftlicher Probleme. Die steigenden fachlichen Anforderungen an die Handelslehrer und die kaufmännischen Fach- und Führungskräfte der Wirtschaft führten schließlich zu der Forderung auch der Wirtschaft, eine akademische Ausbildung für Handelslehrer und Kaufleute in den verschiedenen Wirtschaftszweigen einzuführen.

Nachdem sich die Universitäten diesen Forderungen der Unternehmen und der Handelslehrer widersetzten, kam schließlich die Idee auf , selbständige Wirtschafts- oder Handelshochschulen zu gründen. Marperger hatte schon 1715 einen derartigen Vorschlag veröffentlicht, der bereits die gewünschten Lehrfächer und den Entwurf eines Unterrichtsplans enthielt. Die immer nachdrücklicher vorgetragenen Forderungen nach einer akademischen Ausbildung von Handelslehrern und Kaufleuten führte schließlich zu Gründungen von Handelsakademien. Schließlich wurde 1831 die öffentliche Handelslehranstalt in Leipzig gegründet, aus der 1898 die Handelshochschule Leipzig entstand. In rascher Folge gründeten dann weitere deutsche Städte Handelshochschulen. Zu ihnen gehörten in der zeitlichen Reihenfolge Aachen, Köln, Frankfurt, Berlin, Mannheim, München, Königsberg und Nürnberg.

Nachdem die Betriebswirtschaftslehre in Deutschland auf diese Weise zur Hochschuldisziplin geworden war, errichteten schließlich auch die deutschen Universitäten, wenn auch zögernd, entsprechende Lehrstühle. Damit führte ein fast 200 Jahre währendes zähes Ringen der deutschen Kaufmannschaft und der deutschen Handelslehrerschaft zu einem guten Abschluß. Zur Zeit ist übrigens Betriebswirtschaftslehre mit ca. 160.000 Studierenden das von den Studentenzahlen und damit der Nachfrage her größte Fachgebiet der deutschen Universitäten. Inzwischen gibt es auch mehr als 500 Professoren der Betriebswirtschaftslehre in Deutschland.

Die fachspezifische Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre in ihrer neueren Geschichte lässt sich etwa wie folgt beschreiben. Am Anfang stand die Entwicklung erster Lehrsysteme. Dann folgte der Versuch, einzelne Probleme mit Hilfe quantitativer Methoden zu formulieren und zu lösen. Daneben trat das Problem der Leitmaximen betrieblicher Betätigung, insbesondere das Prinzip der Wirtschaftlichkeit, das sozialistische oder richtiger christliche Prinzip "Jedem nach seiner Leistung", das kommunistische Prinzip "Jedem nach seinem Bedürfnis", das kapitalistische Prinzip "Jedem nach seiner Macht" und das Prinzip des nachhaltigen Gewinnmaximums.

Getrennt hiervon erfolgte der Ausbau von Wirtschaftszweiglehren. Hierzu zählten insbesondere die Handelsbetriebslehre, die Industriebetriebslehre, die Bankbetriebslehre, die landwirtschaftliche Betriebslehre, die Betriebswirtschaftslehre der öffentlichen Unternehmungen und die besonderen Betriebswirtschaftslehren des Auslands (insbesondere der USA und Japans).

Auf die Wirtschaftszweiglehren folgte der Ausbau von Betriebswirtschaftslehren der Funktionsbereiche. Funktionsbereiche, für die Besondere Betriebswirtschaftslehren entwickelt und spezielle Lehrstühle an Universitäten errichtet wurden, waren: die Unternehmensführung (Management), die Leistungsvorbereitung (Marktforschung, Produktgestaltung und Materialwirtschaft), Produktionswirtschaft, Lagerwirtschaft, betriebliche Verkehrswirtschaft und Logistik, Absatzwirtschaft, betriebliche Finanzwirtschaft, betriebliche Personalwirtschaft, Rechnungswesen und elektronische Datenverarbeitung, betriebliches Steuerwesen sowie Betriebsanalyse, Betriebsvergleich und Unternehmensbewertung. Am Ende dieser Entwicklung stand das Aufkommen einer experimentellen Betriebswirtschaftslehre, die zum einen Experimente in der wirtschaftlichen Wirklichkeit anstellte und zum anderen neue Formen des Gedankenexperimentes entwickelte.


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