2.4 Logische Beweisbarkeit von Glaubenslehren

Glaubenslehren bezeichnen ihre Thesen gewöhnlich als Glaubenswahrheiten. Sie gehen damit davon aus, dass sie bewiesen wären. Über diese Beweisbarkeit empfiehlt es sich nachzudenken.

Argumente haben das Ziel, Menschen mit dem Mitteln der Sprache für bestimmte Thesen zu gewinnen. Argumentieren ist der Versuch, die Wahrheit eines Satzes, der in diesem Zusammenhang als "These" bezeichnet wird, nachzuweisen.

Bei dem Argumentieren lassen sich zwei Fälle unterscheiden. In dem ersten sogenannten Standardfall ergibt sich die These logisch zwingend aus anderen Sätzen, den Argumenten. Hierbei geht man davon aus, dass gewisse Sätze bereits akzeptiert oder wenigstens akzeptabel sind. Solche Argumentationen haben die Form eines schlüssigen Beweises.

Die zweite Art des Argumentierens wird als Non-Standard-Fall oder als fundamentaler Fall bezeichnet. Er liegt vor, wenn keine ausreichende Argumentationsbasis vorhanden ist. Dann geht es um Sätze der Argumentationsbasis selbst, wie etwa fundamentale Werturteile, Glaubenssätze und Prinzipien. In der Diskussion steht dann Prinzip gegen Prinzip. Das ist die Situation in den Konflikten zwischen verschiedenen Ideologien, Religionen und Weltanschauungen. In solchen Fällen verschiedener Wertesysteme oder Weltbilder vermag der eine Diskussionspartner den anderen Diskussionspartner nicht mehr mit logischen Beweisen zu überzeugen. Er kann ihn nur überreden, heilen, den sogenannten "Autoritäts-Beweis" führen oder mit ihm einen Kompromiss schließen.

Die Frage der Prinzipien hat in diesem Zusammenhang besonderes Gewicht. Nach meinem Dafürhalten hat sich die christliche Glaubenslehre im wesentlichen wegen des Prinzips der Vergeltung in der jüdischen Glaubenslehre von jener gelöst. Das Christentum hat an die Stelle des Prinzips der Vergeltung das Prinzip der Vergebung gesetzt. Das neue Testament dürfte hierbei die Grundlagen dieses Übergangs nicht ausreichend vollständig dargestellt haben. Nach meinem Dafürhalten hat Jesus Christus sein Beispiel mit der Ohrfeige tatsächlich etwa wie folgt begonnen: Wenn Dir einer auf die Wange schlägt, und Du schlägst entsprechend dem Vergeltungsprinzip sofort zurück, dann hast Du das erste Problem nicht gelöst, weswegen Du die Ohrfeige erhalten hattest. Vielleicht hattest Du sie sogar verdient. Du hast aber nach der Anwendung des Prinzips der Vergeltung nunmehr zu dem Weiterbestehen des ersten Problems noch ein zweites Problem: Du musst die Verantwortung für die Folgen Deiner Gewaltanwendung, des Gegenschlags, tragen. Damit hast Du zusätzlich zu dem ersten ein zweites Problem neu geschaffen. Ist der Vergeltungsschlag jeweils härter als die Gewaltanwendung, die ihn auslöste, dann entsteht eine Spirale der Gewalt, die letztlich die Existenz desjenigen vernichtet, der ständig Vergeltung übt.

Aus christlicher Sicht verbietet sich Vergeltung überdies daraus, dass der Mensch bei seinem Handeln oder Erleiden das Ziel des Friedens anstreben soll, und dass er dieses Ziel des Friedens dadurch zu erreichen versuchen soll, dass er das Prinzip der Gerechtigkeit anwendet. Vergeltung vermehrt im Gegenteil den Unfrieden und ist fast stets ungerecht.


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