3. Deutsche Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs und danach

3.1 Grundlegung
3.2 Zusammensetzung der Deutschen Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs und danach
3.3 Kriegs- und Nachkriegsverbrechen von Angehörigen der Streitkräfte und der Zivilbevölkerung der Siegermächte
3.4 Zuverlässigkeit der Quellen
3.5 Tabelle "Deutsche Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs und danach - Zusammensetzung und Quellennachweis"

3.1 Grundlegung

Bei den Deutschen Kriegsopfern des Zweiten Weltkriegs und danach, insbesondere bei den Kriegsverbrechen der Siegermächte im Zweiten Weltkrieg und danach handelt es sich um Ereignisse, die in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind. Dies lag insbesondere daran, dass das Kriegs- und Besatzungsrecht der Alliierten von 1945 bis 1990 weitgehend deutsche wissenschaftliche Forschungen auf dem Gebiet solcher Kriegsverbrechen verhinderte. Dieser Zeitraum wird eingegrenzt durch die Gesamtkapitulation am 09. Mai 1945 einerseits und den Zwei-Plus-Vier-Vertrag vom 12.09.1990 andererseits.

Kriegsverbrechen sind Straftaten, die im Zusammenhang mit der Kriegsführung von Angehörigen einer Krieg führenden Macht gegen Angehörige der Gegenseite oder Neutrale unter Verletzung des Völkerrechts begangen worden sind. Diese Straftaten wurden unter juristischen Gesichtspunkten erstmals 1945 vom Internationalen Gerichtshof der Alliierten in Nürnberg in Art. 6 des Statuts dieses Gerichtshofes konkretisiert. Sie werden in dem Abschnitt "Rechts- und Grundbegriffe" definiert.

Kriegsverbrechen sind als Straftaten personengebunden. Sie können nur dem Täter oder Mittäter vorgeworfen werden. Die hier in Frage stehenden Kriegsverbrechen können daher nicht verallgemeinernd Staaten oder Organisationen wie etwa der Sowjetunion, der US-amerikanischen oder der britischen Luftwaffe angelastet werden.

Im strafrechtlichen Sinne ist Schuld die Vorwerfbarkeit eines mit Strafe bedrohten vorsätzlichen oder fahrlässigen Handelns. In den christlichen Religionen ist Schuld die freie und darum zurechenbare Entscheidung gegen das jeweilige Sittengesetz, das inhaltlich in etwa mit den 10 Geboten und Verboten der Bibel zusammenfällt.

Eine Kollektivschuld in dem Sinne, dass die Schuld der verantwortlichen Leiter einer Gemeinschaft ohne weiteres, das heißt ohne Rücksicht auf persönliche Teilnahme oder Billigung, auch die Schuld aller Glieder der Gemeinschaft nach sich ziehe oder anzeige, ist aus christlicher Sicht mit dem Charakter der Schuld als einer freien und darum zurechenbaren Entscheidung unvereinbar. Die Gemeinschaft als Ganzes wird nur schuldig durch die Schuld der Einzelnen und nach Maßgabe ihrer Mitwirkung oder Zustimmung zu den Entschlüssen der verantwortlichen Leiter bzw. durch die Fahrlässigkeit in deren Berufung und Überwachung.

Die Diktaturen des Kommunismus und des Nationalsozialismus praktizierten bei den Gegnern ihrer Regime die Sippenhaftung. Sie wurden deswegen angegriffen, weil in einem Rechtsstaat für Angeklagte bei der Entscheidung über deren individuelle Schuld die Garantie eines ordentlichen Gerichtsverfahrens gilt. Der Grundsatz "Mit gefangen, Mit gehangen!" ist Unrecht. Für die individuelle Verantwortlichkeit gilt zunächst der Grundsatz der Unschuldsannahme des Angeklagten. Erst wenn die individuelle Schuld auf der Grundlage plausibler Beweis nachgewiesen worden ist, kann über die individuelle Schuld entschieden werden. Daher ist der Begriff der Kollektivschuld unvereinbar mit der Menschenwürde, die nach Art. 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland unantastbar ist, und der Rechtsweggarantie.

3.2 Zusammensetzung der Deutschen Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs und danach

In der folgenden Tabelle "DEUTSCHE KRIEGSOPFER DES ZWEITEN WELTKRIEGS UND DANACH - Zusammensetzung und Quellennachweis -" werden die Deutschen Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs und danach zunächst einmal mit der Anzahl von Todesfällen angegeben, wie sie sich bei einem ersten Überblick über die vorliegenden Quellen ergeben. Bei einer isolierten Erfassung einzelner Quellennachweise sind Überschneidungen nicht nur nicht auszuschließen, sondern auch wahrscheinlich. Letztlich müsste sich eine genaue Auflistung der Deutschen Kriegsopfer im Zweiten Weltkrieg und danach auf eine Datei stützen, die jedes einzelne Kriegsopfer mit dem Namen, Vornamen, Geburtsdatum, Geburtsort, Todestag, Ort des Todes, Ursache des Todes, Zugehörigkeit zu einer Zielgruppe der Alliierten u.a., enthält. Der Aufbau einer solchen Datei ist von mir beabsichtigt.

Für die vorliegende Untersuchung wurden die Opfergruppen zunächst in die drei großen Gruppen "Militärische Verluste", "Kriegsopfer der Zivilbevölkerung" und "Opfer von Gewalttaten gegen Volksdeutsche im Ausland" eingeteilt. Diese Gruppen wurden jeweils nach typischen Arten unterteilt.

Die Untersuchung ergab, dass die militärischen Verluste ca. 6 Mio Tote, die Kriegsopfer der deutschen Zivilbevölkerung ca. 9,4 Mio Tote und die Opfer von Gewalttaten gegen Volksdeutsche im Ausland ca. 0,5 Mio Tote umfassten. Hier zeigte sich, dass die deutsche Zivilbevölkerung wesentlich höhere Verluste zu beklagen hatte als die Angehörigen der Deutschen Wehrmacht. Der Schwerpunkt der militärischen Verluste lag bei den etwa 3,1 Mio Todesfällen aus Verlusten bei Kampfhandlungen. Bei den Kriegsopfern der Zivilbevölkerung hatten die Todesfälle in den vier Besatzungszonen Deutschlands zwischen Oktober 1946 und September 1950 infolge von Unterversorgung von 5,7 Mio Toten das größte Gewicht. Auf sie folgten die Vertreibungs- und Deportationsverluste mit ca. 2,8 Mio Toten.

3.3 Kriegs- und Nachkriegsverbrechen von Angehörigen der Streitkräfte und der Zivilbevölkerung der Siegermächte

In der vorliegenden Tabelle wird der Anteil von deutschen Opfern aus Kriegsverbrechen prozentual aus den Deutschen Kriegsopfern insgesamt abgeleitet. Er wird auf 11,2 Mio Todesfälle geschätzt. Dies bedeutet, dass von den deutschen Kriegsopfern des Zweiten Weltkriegs und danach etwa 71 % der Gesamtzahl auf Kriegsverbrechen zurückzuführen sein dürften.

Die Zusammensetzung der in der vorliegenden Tabelle angeführten 17 Opfergruppen ist von den berücksichtigten Fallzahlen und den jeweils typischen Kriegsverbrechen her, wie etwa Vergewaltigung mit Todesfolge, vielschichtig. Zur Zeit werden die einzelnen Positionen anhand anderer Quellen und mit Hilfe von Plausibilitätskontrollen überprüft. Eine solche Überprüfung hatte beispielsweise dazu geführt, dass die militärischen Verluste deutscher Kriegsgefangener in französischer Gefangenschaft nicht, wie in der Literatur, auf 404,4 Tsd. Todesfälle, sondern auf 113,1 Tsd. Todesfälle zu schätzen sind.

Die Zusammensetzung der Deutschen Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs und danach ist der folgenden Tabelle zu entnehmen. Diese Tabelle enthält nicht die Zahl der Opfer von Gewalttaten gegen deutsche Zwangsarbeiter im Herrschaftsbereich der Siegermächte.

Die Zahl der deutschen Zwangsarbeiter dürfte viele Millionen betragen haben. In Russland wurden nicht nur Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit herangezogen, sondern auch Zehntausende Zivilpersonen nach der Besetzung der deutschen Ostgebiete nach Russland verschleppt. Die US-Army stellte die Zahl ihrer deutschen Kriegsgefangenen auf 5.235.689 Personen fest. Von diesen übergab sie einen großen Teil an die anderen Siegermächte einschließlich Russlands für Zwecke der Zwangsarbeit. So forderte beispielsweise Frankreich zum Zwecke der Zwangsarbeit 750.000 Gefangene an und erhielt nach der einen Quelle 730.000 und nach einer anderen Quelle 886.000 Gefangene. Diese Zwangsarbeiter wurden in Frankreich unter anderem auch dafür eingesetzt, Minenfelder zu räumen.

Unterlagen über Opfer von Gewalttaten mit Todesfolge für deutsche Zwangsarbeiter liegen in zahlreichen Fällen vor, wurden aber noch nicht in einem geschlossenen System dokumentiert und ausgewertet.

3.4 Zuverlässigkeit der Quellen

Wer sich über Kriegsverbrechen an Deutschen im Zweiten Weltkrieg und danach durch Angehörige der Siegermächte informieren möchte, der wundert sich zunächst nicht nur über die Mauer des Schweigens, die ihm entgegensteht, sondern auch nach einigem Suchen über den außerordentlich geringen Umfang an Quellen. Überdies scheinen die Autoren dieser wenigen Quellen meistens erst relativ spät ihre Arbeit aufgenommen zu haben, das heißt mindestens erst fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Dies liegt wohl daran, dass nach der beginnenden Besetzung Deutschlands von der Gesamtkapitulation am 09.05.1945 an bis zum 09.07.1951, als die Westmächte den Kriegszustand mit Deutschland für beendet erklärten, und dann bis zum Zwei-plus-Vier-Vertrag (Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland) am 12.09.1990 in Deutschland Kriegs- und Besatzungsrecht der Alliierten herrschte. Untersuchungen über Kriegsverbrechen von Angehörigen der Alliierten waren damit etwa 45 Jahre lang nach Kriegsende weitgehend unmöglich oder zumindest stark erschwert.

Bei Diskussionen über das weitgehende Fehlen von Forschungen auf dem Gebiet der in Frage stehenden Kriegsverbrechen taucht immer wieder das Gerücht auf, die deutsche Regierung habe nach Kriegsende mit den Besatzungsmächten ein Geheimabkommen geschlossen, nach dem eine deutsche Forschung auf dem Gebiet von Kriegsverbrechen von Angehörigen der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs an Deutschen unterlassen werden solle oder müsse. Hierfür liegen aus naheliegenden Gründen bisher keine Beweise vor.

Andererseits liegt für jede der in der vorliegenden Tabelle angegebenen Anzahl von Todesfällen der einzelnen Opfergruppen ein Nachweis der Quelle vor. Hierbei handelt es sich teilweise um offizielle Quellen, wie bei den deutschen militärischen Verlusten aus Kampfhandlungen und den Wehrmachtsvermissten. Die Auflagen der verschiedenen einschlägigen Veröffentlichungen hatten überdies eine Häufigkeit, die für ihre öffentliche Anerkennung spricht und damit ein Zitat rechtfertigt.

Gleichwohl vermag die Zuverlässigkeit der vorliegenden Quellen für eine Gesamtschätzung nicht zu befriedigen. Dies liegt aber an den oben angeführten Gründen der unvermeidlichen Überschneidungen.

Abschließend erlauben Sie mir bitte eine persönliche Anmerkung. Meine Kritik und meine Untersuchungen sollen nicht die Straftaten der Deutschen in der Zeit von 1933 bis 1945 aufrechnen oder in Frage stellen. Ich bin ein Freund Russlands und ein großer Freund und Bewunderer der Vereinigten Staaten, war oft - auch beruflich - dort und bin dankbar, dass ich in einem der Westsektoren mit Hilfe unter anderem der Amerikaner dazu beitragen konnte, unser Land wieder aufzubauen.

Wir Deutsche haben aber nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, unsere Kriegsopfer des Zweiten Weltkriegs und danach festzustellen, zu ehren und ihren Angehörigen beizustehen. Ziel meiner bisherigen Nachforschungen war es, einen Beitrag für diese öffentliche Aufgabe zu leisten.


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